Stille
Manche Güter gewinnen erst an Wert, wenn sie knapp werden. Wasser, Zeit
und Stille.
Ich suche sie oft mit einer verzweifelten Zielstrebigkeit, als wäre sie kein natürlicher Zustand, sondern etwas, das erst mühsam hergestellt werden muss.
Selbst die Orte, an denen Stille noch denkbar wäre, sind längst nicht mehr still. Im Aufzug knetet jemand (oder eine KI?) ein Klaviermotiv in die Tasten, im Supermarkt säuselt eine Playlist, im Wartezimmer dudelt eine Musik, die beruhigen soll, und vor allem eines verhindert: dass es jemals still wird.
Kaum ein Bereich kommt unbeschallt davon. Musik beim Kochen. Podcasts zum Einschlafen. Stimmen während des Laufens. Playlists während der Arbeit. Es ist, als ob das einfache Dasein etwas wäre, das einer permanenten und nicht immer selbst gewählten Vertonung bedarf.
Aber natürlich: Stille ist auch ein zwiespältiges Gut. Für die einen ist sie nämlich ersehnter Luxus, für andere ist sie eine schwer erträgliche Zumutung. Vielleicht, weil Stille nie nur die Abwesenheit von Geräusch meint. Sie ist nicht unbedingt leer sondern kann sehr dicht sein, denn sobald es still wird, wird etwas anderes hörbar: das eigene Denken. Plötzlich drängen sich die halbfertigen Gedanken, die Erinnerungen, die Sorgen, die Fragen in den Vordergrund. All die Sätze, die tagsüber von Benachrichtigungen, Smalltalk und Klangtapeten übertönt werden. In der Stille gibt es davor kein Entkommen.
Und doch ist genau das der Grund, weshalb ich sie oft suche.
Nicht aus romantischer Sehnsucht nach Ruhe. Sondern aus dem Gefühl heraus, dass Gedanken Rahmenbedingungen brauchen. Sie erscheinen nicht zuverlässig zwischen zwei Liedern oder während ein Hörbuch die letzten Winkel des Bewusstseins zukleistert.
Gute Gedanken, zumindest meine, sind scheu. Sie betreten den Raum nur ungern, wenn dort bereits gesprochen wird.
Was mir in einer lauten Welt manchmal fehlt, ist deshalb nicht die bloße Erholung, sondern eine Form von innerer Artikulation. Jener seltene Moment, in dem Gedanken sich beinahe von selbst in Sprache gießen, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich gehört zu werden.
Vielleicht suche ich in der Stille gar nicht bloß Ruhe?
Vielleicht suche ich etwas ganz anderes:
Die Gelegenheit, mir selbst zuzuhören.