Die Erfindung der Anderen

An manchen Abenden besteht für mich die Stadt nicht aus Straßen, sondern aus Fenstern. Rechtecke aus Licht, gestapelt wie Seiten eines unvollständigen Buches, das niemand ganz lesen kann. Man geht vorbei und hebt den Blick nur für Sekunden, aber diese Sekunden genügen, um sich in fremde Leben hinein zu erfinden wie in einen Roman, von dem die meisten Kapitel fehlen.

Das beleuchtete Fenster ist eine schöne Form des Geheimnisses. Es zeigt alles und verbirgt doch das Entscheidende. Ein Mann sitzt am Computer und sieht aus wie jemand, der gerade verlassen wurde. Im nächsten Stock lacht eine Frau in ein Telefon hinein. Irgendwo flimmert bläulich ein Fernseher über Zimmerpflanzen hinweg. Eine Gestalt bleibt lange regungslos am Fenster stehen, vielleicht müde, vielleicht glücklich. Und während man vorbeigeht, beginnt mein Kopf sofort mit seiner alten Arbeit: Er ergänzt, er dichtet hinzu, er verteilt Schicksale wie Spielkarten. Er sieht praktisch nichts und erfindet fast alles.

Das ist die Literatur der Großstadt. Nicht in den Geschichten, die erzählt werden, sondern in denen, die einander streifen, ohne sich zu kennen. Das Auge wird zum Dieb kleiner Wirklichkeitsreste: eine Lampe über einem Küchentisch, ein Schatten an der Wand, der kurze Anflug einer Umarmung. Niemand fühlt sich dabei schuldig, weil das Licht selbst die Einladung ausspricht. Die Nacht macht aus allen Wohnungen kleine Bühnen, und wir, die Vorübergehenden, werden zu Zuschauern eines Theaters ohne Handlung.

Es ist ein merkwürdiges urbanes Gefühl: diese wortlose Nachbarschaft der Existenzen. Denn während man selbst Wasser aufsetzt oder nach einem Buch greift, tun es Tausende andere gleichzeitig. Hinter jeder Scheibe eine andere Müdigkeit, ein anderer Streit, eine andere Form von Einsamkeit. Irgendwo wird gerade ein Kind beruhigt. Jemand packt einen Koffer. Zwei Menschen schweigen sich beim Abendessen an. Einer tanzt allein in der Küche. Und alles geschieht gleichzeitig, in einem einzigen, leuchtenden Organismus aus Fenstern.

Tröstlich. Denn ein beleuchtetes Fenster ist vor allem ein Lebenszeichen. Es bedeutet: Dort ist jemand wach. Dort atmet jemand gegen die Nacht an. Vielleicht wartet jemand. Vielleicht wird jemand vermisst. Vielleicht sitzt dort einer mit einer Tasse Tee und denkt denselben Gedanken wie man selbst.

Und manchmal, wenn man spät nachts aus der eigenen Wohnung hinausblickt, merkt man plötzlich die Umkehrung des Blicks. Man selbst ist nun das fremde Fenster. Und auch das eigene Leben erscheint aus der Entfernung wie ein Fragment: die gebeugte Gestalt am Tisch, die Zimmerpflanze auf der Fensterbank, das Weinglas neben dem Lichtkegel der Lampe. Vielleicht geht unten gerade jemand vorbei und erfindet eine Geschichte über einen. Vielleicht hält er einen für glücklich.

Das Licht in fremden Fenstern erinnert daran, dass die Welt voller Menschen ist, die gleichzeitig leben, leiden, hoffen, warten und dass wir voneinander oft nicht mehr kennen als einen flüchtigen Schatten hinter Glas. Deshalb wirken diese Fenster vielleicht manchmal menschlicher als Gesichter am Tag. Sie verraten nichts Sicheres. Aber sie beweisen, dass niemand ganz allein durch die Nacht geht.