Vegetarisch
Ich esse seit einigen Jahren kaum noch Fleisch. Es war kein radikaler Bruch, keine Entscheidung über Nacht. Eher ein langsames, beinahe lautloses Verschwinden. Fleisch hat für mich einfach aufgehört, im Mittelpunkt zu stehen.
Und? Ich vermisse es nicht.
Ich schmecke heute mehr. Gemüse, Hülsenfrüchte, Kräuter: Sie sind nicht nur Beilagen oder Deko, sondern erzählen ihre eigene Geschmacksgeschichte. Eine gebackene Aubergine kann so viel Tiefe haben. Gerösteter Blumenkohl hat Charakter, echt!. Und selbst eine schlichte Karotte, gut gewürzt und gut zubereitet, kann mehr bieten als so manches Stück Fleisch.

Ganz konsequent bin ich aber nicht. Fisch und Meeresfrüchte, da sag ich nicht immer Nein. Eine gebratene Garnele, Sardellen auf Pasta, das ist für mich okay.
Auch beim Käse kapituliert mein Idealismus, und zwar zuverlässig, jedes Mal. Ich hab's probiert, wirklich. Es gab Wochen mit Alternativen, aber die schmeckten wirklich schon wie eine Entschuldigung.
Manchmal frage ich mich, ob zum Beispiel das eher Gewohnheit ist oder echtes Verlangen? Wahrscheinlich beides, wie so vieles, das wir für eine Entscheidung halten und das in Wirklichkeit ein Zusammenspiel aus Erziehung, Kultur und einem gewissen Widerwillen gegen die eigene Disziplin ist.
Jedenfalls: Ich bin nicht perfekt, aber wenigstens etwas bewusster.
Und genau das ist, glaube ich, der einzige Punkt, der zählt. Nicht die absolute Reinheit der Haltung, sondern die Wachheit.
Es geht mir nicht um Regeln oder Dogmen, die überlasse ich denen, die bei Tischgesprächen mehr Freude an der Verkündigung haben als am Genuss.
Mir geht es darum, wach zu bleiben beim Essen. Hinzuschmecken, nicht bloß zu konsumieren. Zu merken, was mir gut tut, geschmacklich, aber auch, wenn man so will, seelisch. Es ist ein kleiner Unterschied, aber ein entscheidender: zwischen dem Essen als Versorgungsakt und dem Essen als Moment der Aufmerksamkeit.
Ich habe einfach festgestellt: Ohne Fleisch fühlt sich vieles richtiger an. Für mich, für das Tier, für die Welt. Klingt wie ein Slogan, ist aber eigentlich nur eine Beobachtungder Änderung, die sich langsam bei mir eingeschlichen hat.
Kein Blitz, kein Dokumentarfilm um Mitternacht, der alles veränderte. Eher ein allmähliches Weniger-Wollen. Und das, man höre und staune, ganz ohne dieses spezielle Verzichtsgefühl, das immer mitschwingt, wenn Menschen erzählen, was sie sich alles abtrainiert haben. Es fühlte sich für mich nie an wie ein Abschied. Eher wie eine Ankunft.
Ich bin (hoffentlich) kein Moralapostel, denn wer moralisch predigt, hat meistens vergessen, wie es ist, selbst noch zu suchen. Ich will auch niemanden bekehren, denn die Welt hat schon genug Bekehrer und zu wenig Neugierige.
Was ich will, ist, dass ich selbst ruhiger esse. Aufmerksamer. Ein bisschen freundlicher, mir selbst gegenüber und dem, was auf meinem Teller liegt.
Und wenn das keine große Ideologie ist, sondern nur eine leise Verschiebung meiner Aufmerksamkeit, dann soll es das auch bleiben. Denn am Ende, das ist meine bescheidene These, ändert sich die Welt nicht durch Verzicht, sondern durch das genaue Hinsehen. Und das beginnt, wie so oft, auf dem eigenen Teller.
